
Ob es eigentlich schön ist, Finanzminister zu sein? "Ja", sagt Rainer Wiegard, der in seiner Heimat Schleswig-Holstein seit sieben Jahren in diesem Amt ist - eine kleine Ewigkeit, im heutigen Politikbetrieb. Stressig ist er auch, dieser Job. Warum er trotzdem schön ist? "Weil man gestalten kann", sagt der 62-Jährige CDU-Politiker. Seine ganz persönliche Mission ist dabei der Abbau von Schulden, mit dem man seiner Meinung nach schon sehr viel eher, nämlich vor 20 oder 30 Jahren, hätte beginnen sollen. Aber immerhin wähnt er sein Land auf einem guten Weg, und deshalb möchte er es auch noch ein paar Jahre bleiben, Finanzminister. Es gibt auch Dinge, die Wiegard an seinem Job nicht so gefallen - etwa die Tatsache, dass man "nicht Herr seiner Zeitplanung" ist. Er meint damit, dass andere Leute für einen Termine einfädeln, die man dann abzuarbeiten hat: Besuche, Gespräche. "Sprechen mit Leuten ist eine der Hauptaufgaben", sagt Rainer Wiegard. Schließlich müsse man Menschen von seinen Anliegen überzeugen - auch und gerade als Finanzminister. Eine weitere Sache sagt er nicht, aber sie scheint sein Amt ebenfalls zu charakterisieren: Manchmal muss ein Finanzminister auch einfach nur zuhören, viel und lange zuhören - wie zum Beispiel an diesem Tag.
6.00 UHR: DER WECKER KLINGELT IM HAUSE WIEGARD
Ein lautes Piepen des Weckers zeigt Rainer Wiegard, dass es sechs Uhr ist, dass er aufstehen muss, dass sein Tag als Minister beginnt. Eigentlich aber, so Wiegard, brauche er gar keinen Wecker: Er wache "immer von alleine eine Viertelstunde vorher auf", wie er sagt. Dann macht Wiegard Kaffee für seine Frau Jutta. Zum Frühstück gibt es Müsli, das Radio läuft nicht, weil Rainer Wiegard "Gedudel" am Morgen nicht mag. Die Radioprogramme gefallen ihm eigentlich überhaupt nicht so richtig. Dafür aber werden Zeitungen gelesen, mehrere Zeitungen. Auch die Kollegen im Kieler Büro arbeiten schon: Sie haben Rainer Wiegard einen morgendlichen Pressespiegel geschickt, das Faxgerät läuft, spuckt etwa 20 Seiten aus. Sie landen auf dem Tisch des Büros, das sich der Minister im ersten Stock seines Hauses eingerichtet hat. Ein weiß gestrichener Raum mit einem dunklen, großen Schreibtisch. In der Mitte des Raumes hängt eine Uhr - und darunter ein rotes Stoffherz, auf dem das Wort "Glück" steht. An diesen Schreibtisch setzt sich Rainer Wiegard schon morgens, um E-Mails zu beantworten.
8.45 UHR: DER MINISTER WIRD ABGEHOLT, EINE STUNDE SPÄTER ALS SONST
Der schwarze Audi A8, Wiegards Dienstwagen, parkt vor dem Haus in Bargteheide. Es ist kalt an diesem Morgen, sehr kalt. Der Minister trägt trotzdem nur einen grauen Anzug, und mit der Kälte ist es gleich auch schon wieder vorbei - denn Wiegard steigt nun in den Fond des Autos ein, der so etwas wie ein Ministerbüro in klein ist. Unterlagen, die für den Tag wichtig sind, liegen - chronologisch geordnet - auf der Mittelkonsole. Wiegard hat außerdem sein iPad dabei, das Internet funktioniert im Auto - "ich weiß eigentlich gar nicht, wie das früher ohne ging", sagt Rainer Wiegard. Schließlich geht es nun weiter, mit den E-Mails, die beantwortet werden müssen und auch mit Telefonaten, die mit dem Smartphone geführt werden müssen. Es geht um Steuerausfälle in Schleswig-Holstein, die aber nicht "strukturell" sind, wie Wiegard sagt. Außerdem geht es um "Eckwerte für den Doppelhaushalt 2013/2014", und dann noch um Bundesanleihen, die Wolfgang Schäuble herausgeben hat. Wolfgang Schäuble, den Wiegard erst vor einer Woche in Berlin getroffen hat, bei der Finanzminister-Konferenz. Draußen fliegt die Landschaft vorbei, weiße Hausdächer und zugefrorene Felder, der Wagen ist mittlerweile auf der Autobahn unterwegs. Heute geht es nicht nach Kiel, deshalb ist der Fahrer auch eine Stunde später gekommen als sonst. Es geht nach Lübeck - zum dortigen Finanzamt. Es ist der Ort, an dem ein gewichtiger Teil jener Tausende und Millionen Euros eingetrieben werden, die dann in Wiegards Bilanzen auftauchen - ein wichtiger Besuch also. Und Wiegards erster.
9.30 UHR: HOHER BESUCH IM LÜBECKER FINANZAMT
Mit schwungvollen Schritten geht er auf den Minister zu, dann begrüßt er ihn mit Handschlag: Felix Wachenfeld, ein jung wirkender Mann mit Brille, außerdem Vorsteher des Finanzamtes mit seinen 400 Mitarbeitern. Wiegard folgt ihm zum Fahrstuhl des innen wie außen schmucklosen Gebäudes, das in den 60er- oder 70er-Jahren erbaut sein muss. Es geht in den siebten Stock, in einen Besprechungsraum. Der Minister und der Vorsteher setzen sich an einen Tisch, an dem bereits Christian Drögemüller wartet. Der Mann ist Referatsleiter im Kieler Ministerium, am heutigen Gespräch nimmt er Teil, "damit ich keinen Unsinn rede", wie Wiegard lächelnd sagt. Etwas später kommt noch Wiegards persönliche Referentin Simone Ridder dazu. Hoch über den Dächern Lübecks geht es um den Krankenstand im Finanzamt, der nicht zur Sorge Anlass gibt, und um Probleme, genauer: gravierende Probleme bei der Umsetzung eines neuen Computersystems. "Elstam" ist das Wort, das für Kummer sorgt, es ist die Abkürzung für "Elektronische LohnSteuerAbzugsMerkmale", und dabei handelt es sich um so etwas wie den Nachfolger der Lohnsteuerkarte. Der Bund wollte Elstam, eine Art System zum Datenabgleich zwischen verschiedenen Ämtern, schon eingeführt haben. Aber die Sache verzögerte sich, wegen technischer Probleme - und die sorgen nun in Lübeck, wo man wegen des Fehlstarts in Schwierigkeiten kam, für Ärger. Die Details dazu kann sich Wiegard, der Elstam nicht zu verantworten hat, wenig später im Nebenraum anhören. Dort sitzen die Gebietsleiter des Finanzamtes an einem langen Holztisch, rund 30 Frauen und Frauen, und sie berichten nun, wie Elstam ein gewisses Chaos angerichtet hat, wie Kollegen aus anderen Abteilungen bei der Bearbeitung der Daten helfen mussten, wie man es trotzdem hin bekam. Auf dem Tisch stehen Kekse, außerdem blaue Plastik-Kaffeekannen und kleine Mineralwasserflaschen, ebenfalls aus Plastik. Ein bisschen wirkt es, als würden sie es sehr ernst nehmen im Finanzamt - das Sparen. Tatsächlich mussten die Beamten ihren Beitrag zur Haushaltskonsolidierung leisten, nämlich seit 2006 auf Weihnachts- und Urlaubsgeld verzichten. Dennoch, vielmehr deswegen, hat sich Wiegard dafür eingesetzt, dass ein "Beförderungsstau" im Lübecker Finanzamt aufgelöst wird. Felix Wachenfeld dankt ihm im Beisein seiner Mitarbeiter dafür. Diese nutzen die Gelegenheit, noch andere Dinge anzubringen, wo der Minister einmal da ist: Dass es immer schwieriger wird, gute Azubis zu bekommen, zum Beispiel. Wiegard nickt, hört zu - etwa zwei Stunden lang. Nach dem Besuch weiterer Abteilungen geht es zum Mittagessen, in die Kantine der gegenüber liegenden Agentur für Arbeit.
12.30 UHR: AUSNAHMSWEISE ZEIT FÜR EIN MITTAGESSEN
"Das hier ist eine Ausnahme. Normalerweise esse ich eigentlich gar kein Mittag", sagt Rainer Wiegard. Nur manchmal gehe er mit Mitarbeitern seines Büro in die Kieler Landtagskantine - "wenn die etwas besprechen wollen", sagt Wiegard. Normalerweise ist er an drei- bis vier Tagen in der Woche in Kiel, etwa am Dienstag, wenn "Kabinettstag" ist. Einer der Tage, an dem er mit dem Ministerpräsidenten, den er "Peter Harry" nennt, Dinge bespricht, den anstehenden Doppelhaushalt zum Beispiel. Doch jetzt geht es erst einmal zu "Hako", einem Unternehmen mit Sitz in Bad Oldesloe, das Kehrmaschinen herstellt, die deutschland- und europaweit zum Reinigen von Gehwegen und Marktplätzen eingesetzt werden. Rainer Wiegard besucht etwa einmal im Monat Unternehmen in seinem Bundesland, um sich einen Überblick darüber zu schaffen, wo sie denn eigentlich herkommen - die Steuern. Hako ist dabei ein besonderer Fall: Rainer Wiegard hat dort, zwischen 1966 und 1969, eine Ausbildung zum Industriekaufmann gemacht. Wie er die Zeit erlebt hat? "Man war schon ein bisschen aufmüpfig, damals. Es gab zum Beispiel bei Hako so eine Art Haarschnitt-Appell. Und ich bin ein paar Mal durchgefallen", erinnert sich Wiegard.
13.30 UHR: ZWEI UNTERNEHMENSBESUCHE IN BAD OLDESLOE
"Hier stand früher die Registratur", erinnert sich Rainer Wiegard. Jetzt wird der helle Raum, in dem er mit Simone Ridder und Unternehmens-Vorstand Mario Schreiber sitzt, als Besprechungsraum genutzt. Ein Beamer wirft die Produkte des Unternehmens an eine Leinwand, modern aussehende Kehrfahrzeuge, die Namen wie "Scheuersaugmaschine B 30" tragen. Mario Schreiber berichtet über sein Unternehmen, das 2000 Mitarbeiter weltweit hat, 1000 davon in Deutschland, 420 in Bad Oldesloe. Man sei gut durch die Krise gekommen, dem Unternehmen gehe es bestens und "wer bei Hako eine Ausbildung macht, bekommt in der Regel auch einen Arbeitsplatz angeboten". Es sind Sätze, die Rainer Wiegard gerne hört. "Als Finanzminister brauche ich glückliche Steuerzahler", sagt er und stellt noch viele Fragen. Nach dem Gespräch lässt es sich Wiegard natürlich nicht nehmen, sie selbst anzusehen: Die Hako-Werkshallen. Der nächste Unternehmensbesuch, es ist mittlerweile 15 Uhr, führt Wiegard zur Oldesloer Niederlassung des Pharma-Unternehmens Aspen. Die beiden Werksleiter, Andrea Brettschneider und Dirk Rasenack, begrüßen den Minister in einem Raum, der ganz ähnlich wie jener bei Hako aussieht: hell, weiß - und mit einem Beamer. Beide Werkschefs erzählen, dass man "der größte Tablettenproduzent in Norddeutschland" sei, dass die Umsätze gut gingen - und Rainer Wiegard sagt wieder seinen Satz von den glücklichen Steuerzahlern. Probleme gebe es allerdings auch, etwa die Tatsache, dass Irland seine Pharma- Werke weitaus stärker subventioniere als Deutschland. Wiegard verspricht, sich zu kümmern. Anschließend steht eine weitere Unternehmensbesichtigung an - diesmal mit weißem Kittel und Haube über dem Haar, denn es geht in Bereiche, in denen Medikamente gefertigt und abgemischt werden.
17.45 UHR: RÜCKKEHR NACH BARGTEHEIDE - INS BÜRO UNTERM DACH
Rainer Wiegard ist den weißen Kittel los geworden, er sitzt wieder im Fond seines Autos. "Ein gutes Dutzend" E-Mails sind dort aufgelaufen, doch immerhin hat Wiegard jetzt Zeit, sie zu bearbeiten. Ein Termin, der für 19.30 Uhr angesetzt war, ist nämlich ausgefallen. Wiegard legt sein iPad auf die Knie und schreibt, draußen rauschen wieder die - jetzt dunklen - Dörfer vorbei. Es geht nach Bargteheide, zum Privathaus des Ministers. Dort angekommen, wird er sich an den großen, schwarzen Schreibtisch setzen und noch zwei Stunden lang Zahlen für den Doppelhaushalt studieren. Anschließend, gegen 21 Uhr, wird er gemeinsam mit seiner Frau etwas kochen, "ein bisschen italienisch, vielleicht." Und vielleicht auch etwas fernsehen, etwa die Tagesthemen - weil heute ja schließlich kein Tatort kommt.