Hamburg. Es sind diese Momente, an die sich Anhänger einer Profimannschaft gerne erinnern. Momente, in denen sich eben noch völlig fremde Menschen freudetrunken in den Armen liegen. Momente, in denen die Anspannung in unbändigem Jubel aus dem Körper herausbricht. Nahezu die komplette zweite Halbzeit hatte der FC St. Pauli am Montagabend Druck auf den MSV Duisburg ausgeübt, einen um den anderen Angriff gestartet. Doch was auch immer die Kiezkicker anstellten, der Ball wollte nicht ins Tor. Bis zur letzten Minute der Nachspielzeit jedenfalls, als Fin Bartels die Kugel doch noch zum erlösenden 2:1 über die Linie drückte und damit einen lange nicht in dieser Stärke erlebten Jubelorkan im Millerntor-Stadion auslöste.

Nicht nur die Anhänger konnten das Geschehene in diesem Moment kaum fassen, auch die Spieler, Trainer und Funktionäre fielen nach dem nur Sekunden später folgenden Abpfiff der Partie hüpfend und springend übereinander her, als hätten sie soeben eine Million Euro im Lotto gewonnen. Das späte Siegtor war jedoch alles andere als ein Glückstreffer, sondern - wie es MSV-Trainer Milan Sasic ausdrückte - das Ergebnis einer unglaublichen Wucht, mit der St. Pauli nach dem Wechsel zu Werke gegangen war.

Und der Wahnsinn hat offenbar Methode. Bereits zum dritten Mal in Folge machte das Team von Trainer André Schubert einen Sieg quasi in letzter Minute perfekt. Beim 3:1 gegen Alemannia Aachen entschied Max Kruse in der Nachspielzeit endgültig die Partie. Eine Woche später war es wieder Kruse, der in der 84. Minute das Spiel beim VfL Bochum zum 2:1 für den FC drehte. Dieses Mal passte der nominelle Linksverteidiger Jan-Philipp Kalla aus dem zentralen Mittelfeld auf den eingewechselten Dennis Daube, der wiederum vom rechten Strafraumrand Bartels den Ball auflegte. "Ich bin rein instinktiv in die Mitte gerückt", erzählte Kalla erschöpft, aber glücklich nach der Partie. "Mit letzter Kraft hab ich dann den Pass auf Dennis gespielt."

Auch wenn nach dem Abpfiff bei Kalla wie bei einigen seiner Mitspieler die Kraftreserven aufgebraucht waren, zeigte sich St. Pauli am Schluss einer Partie erneut besser in Schuss als der Gegner. Trainer Schubert, der nach etlichen Tassen Kaffee und den aufregenden anderthalb Stunden am Spielfeldrand in der Nacht lange brauchte, bis er einschlafen konnte, bescheinigte seinem Team tags darauf eine unglaubliche Leidenschaft. "Wir haben wahnsinnig viel Druck aufgebaut", erklärte der Coach. "Absolut klasse ist, dass wir das Tor in der letzten Minute noch so herausgespielt haben."

Die Erfolge St. Paulis in den vergangenen Wochen sind nach Meinung von Schubert eine Kombination aus der Leistungsfähigkeit und der Leistungsbereitschaft seines Teams, dessen Charakter er erneut lobte. Die Spieler seien mehr und intensiver gelaufen als der Gegner, eine Basis des Erfolgs und eine Selbstverständlichkeit angesichts der sensationellen Stimmung, die am Millerntor herrschte. "Da wäre ich auch noch zwölf Kilometer gelaufen", sagte Schubert und lachte.

Für gute Laune hatte bei ihm auch der erste Auftritt von Neuzugang Kevin Schindler gesorgt, der nicht nur seinen ersten Pflichtspieltreffer für seinen Klub erzielte, sondern sich auch ohne Probleme ins Team zu integrieren scheint. "Er hat das gut gemacht", lobte Schubert, der seinen Neuzugang nur sechs Tage nach der Verpflichtung aus Bremen von Beginn an gebracht hatte. Angesichts der Ausfälle von Charles Takyi, Deniz Naki und Marius Ebbers war es auch St. Paulis Ziel gewesen, einen sofort spielbereiten Offensivakteur zu verpflichten. Dass Schindler diesen Anspruch erfüllen würde, hatte er schon beim Test am Dienstag gegen seinen Ex-Klub Werder unter Beweis gestellt.

Dass nun auch der Einstieg in den Zweitliga-Alltag so erfolgreich verlief, freute natürlich auch den Spieler. "Ich würde sagen, dass das ein gelungener Einstand war", meinte Schindler und erklärte, sich über St. Paulis zweiten Treffer noch mehr als über seinen eigenen gefreut zu haben. Schließlich sorgte dieser für einen Erfolg, der auch bei den künftigen Kontrahenten seine Spuren hinterlassen wird.

Spätestens jetzt dürften diese vor der Schlussoffensive des FC St. Pauli zittern. Für seine Spieler erkannte Schubert ebenfalls eine bleibende Wirkung: "Die Jungs sehen, dass du, wenn du bis zum Schluss Gas gibst, auch etwas holen kannst", sagte der Coach. Noch in der Vorsaison hatten sich St. Paulis Profis für ihren Einsatz viel zu wenig belohnt. Wobei nun die Ausgangslage natürlich eine andere ist. Der Klub geht nicht nur wegen seiner Rolle als Tabellenführer wie Eintracht Frankfurt bei jedem Auftritt als Favorit ins Spiel. "Wenn du alles gibst, wirst du als FC St. Pauli auch mal verlieren, aber in der Regel die Spiele gewinnen", meint Schubert. Was er nicht sagte: Am Saisonende könnte dies noch viel größere Jubelarien als an diesem Abend gegen Duisburg nach sich ziehen.