
Die Zahl der überschuldeten Deutschen steigt wieder. Fast jedem zehnten Erwachsenen über 18 Jahre fällt es derzeit schwer, seine fälligen Zahlungen in absehbarer Zeit zu begleichen. Das geht aus dem "Schuldenatlas Deutschland" hervor, den die Wirtschaftsauskunftei Creditreform gestern vorgelegt hat. Die Quote der betroffenen Menschen stieg gegenüber dem vergangenen Jahr von 9,09 auf 9,50 Prozent. Das entspricht einem Plus von 300.000 Schuldnern auf knapp 6,5 Millionen. In den vergangenen beiden Jahren war die Zahl der Personen in Zahlungsschwierigkeiten zurückgegangen.
In Hamburg stieg die Zahl der Betroffenen ebenfalls leicht von 10,6 auf 10,9 Prozent oder knapp 150.000. Damit wohnen in der Hansestadt verglichen mit allen Großstädten mit mehr als 400.000 Einwohnern hinter Frankfurt die wenigsten überschuldeten Menschen.
Insgesamt wuchs die Verschuldung trotz der Wirtschaftskrise aber weniger als befürchtet an, so Creditreform. Eine deutlich stärkere Verschlechterung der Lage habe das Kurzarbeitergeld verhindert. "Auch wir spüren die Folgen der Krise noch nicht so stark", sagte Hjördis Christiansen, Schuldner- und Finanzberaterin bei der Verbraucherzentrale Hamburg, dem Abendblatt. "Wir rechnen aber mit weiter steigenden Zahlen. Der Trend von 2010 setzt sich fort."
IM KOMMENDEN JAHR STEIGT DIE ZAHL DER BETROFFENEN WEITER
Eine nachhaltige Besserung sieht Creditreform-Vorstand Helmut Rödl trotz der Konjunkturerholung auch bundesweit nicht. Im Gegenteil: Nach Einschätzung der Experten könnte die Zahl der überschuldeten Haushalte 2011 weiter auf 6,7 Millionen wachsen.
In Hamburg gibt es nach der Untersuchung von Creditreform große Unterschiede bei der Zahlungsfähigkeit der Menschen in den einzelnen Stadtteilen. So liegt die Verschuldung in Volksdorf mit 3,85 Prozent am niedrigsten, auch Othmarschen kommt mit 3,99 noch unter die Marke von vier Prozent. Sasel, Bergstedt und Blankenese weisen zumindest noch Quoten von unter fünf Prozent auf.
Dagegen gibt es Stadtteile, in denen jeder fünfte Erwachsene seinen Rechnungen nicht mehr bezahlen kann. Am stärksten davon betroffen ist St. Pauli, wo die Quote in diesem Jahr 22,25 Prozent erreicht hat. Auch in der Altstadt, in Billstedt oder am Kleinen Grasbrook liegt die Quote höher als 20 Prozent. "Diese großen Unterschiede sind seit Jahren stabil", sagte Thomas Wall, einer der beiden Inhaber von Creditreform in Hamburg, dem Abendblatt.
Hauptursache für die Überschuldung bleibt der Verlust des Arbeitsplatzes. Doch auch die gestiegenen Belastungen der Verbraucher - etwa für Gesundheit und Altersvorsorge sowie für Mieten und Nebenkosten - ließen weniger Spielraum, um Kredite zu bedienen, so Creditreform. Dazu komme, dass die wieder anziehende Konjunktur "zu einem wieder lockeren Ausgabeverhalten der Verbraucher" führte. "Überschuldung wird auch in naher Zukunft in Deutschland ein Massenphänomen bleiben", sagte Rödl. Die Höhe der Schulden bezifferten die Experten - je nach Berechnung - auf 184 bis 239 Milliarden Euro.
JUGENDLICHE SOLLEN IN DER SCHULE LERNEN, MIT GELD UMZUGEHEN
Betroffen von den Finanzproblemen sind immer mehr Frauen. Seit 2004 hat sich ihr Anteil an der Gesamtzahl aller Schuldner von 32 auf 39 Prozent erhöht. Besorgniserregend sei zudem die Entwicklung bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Allein im letzten Jahr habe die Zahl der überschuldeten Menschen unter 20 Jahren um 38 Prozent zugenommen. Seit 2004 habe sie sich so auf 197.000 junge Leute fast verdreifacht. Es sei dringend nötig, den Jugendlichen schon in der Schule den richtigen Umgang mit Geld beizubringen, sagte Rödl. Zu Hause werde dies inzwischen offensichtlich bei vielen versäumt.
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